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DIE BUNTHEIT DES MONOCHROMEN
Gedanken zur imaginierten Realität in Seraina Feuersteins Werk

 

Abermals befindet sich Seraina Feuerstein auf dem Weg durchs Gehölz, Gebirge und Geäst auf der Suche nach ihrer persönlichen Landschaft. Farbe und ihre Nuancen, Licht und dessen Strahlkraft, sowie die Elemente in ihren diversen Emanationen werden verinnerlicht und als künstlerisches Repertoire registriert. 

Die Fotografie gehört zur Biografie der Engadiner Malerin. Am Anfang steht das Lichtbild. Die Künstlerin fokussiert die Linse auf das, was sie subjektiv wahrnimmt. Die Ablichtung löst bei ihr einen dekonstruktivistischen Blick auf die Natur aus. Sie zerteilt den Raum in Farb- und Lichtflächen und projiziert diese auf den Bildträger. Die Zwiesprache zwischen den verschiedenen Elementen, deren Ausstrahlungen, atmosphärische und zeitliche Veränderungen und Anpassungen, denkt sie in sich bedingenden Farbantipoden. Sie entnimmt der Natur die Objekte, die sie in Form und Kolorit präsentiert. Das Material, das sie konkret verwendet dient ihr als Mediator zwischen Ur- und Werkstoff. Insofern ist ihre Arbeitsweise höchst experimentell und von der Neugier des Entdeckens getrieben. Genährt vom Erlebnis der surrealen Kraft der Elemente arbeitet Seraina Feuerstein an der Formel ihre eingefangenen Impressionen aus der Dunkelkammer heraus zu modellieren. 

Seraina Feuersteins Bilderfahrung ist stark und von ihrem Lebensverlauf sowie von der Suche nach dem Erhabenen geprägt. Kontinuierlich wird ein Prozess weitergestossen. Jedes Werk bedingt das Nächste. Nuancen und Schichtungen kommen übereinander und nebeneinander zu liegen, sie interferieren und sprechen zueinander. Es stellt sich die Frage nach einer Innen- oder Aussenwelt. Wahrlich wandelt die Künstlerin ihre unmittelbare Erfahrung in etwas urtümliches. Sie schafft eine imaginierte Realität und trägt diese in die entsprechende Dimension. In der Fülle der Wahrnehmung ist ihr immer an der Reduktion zum Essentiellen gelegen. 

Wissend um die vielfältigen Möglichkeiten des Ausdrucks entstehen ihre Werke dauernd in der Auswahl von Varianten, aber stetig ist es das Kondensat eines momentanen Blickfeldes, das sie sich hart mit Pinsel, Schwamm und Rakel oder mit der blossen Hand erarbeitet. Auch in der Farbwahl hat sich Seraina Feuerstein auf Wesentliches beschränkt. Fast plakativ beschreibt sie in der Werkreihe «Wald» die Umgebung vor allem in satten grünen Tönen. Die Farbe wirkt emotional und assoziativ. Man vermutet etwas Lebendiges, Fühlbares. Sind es Räume, ist es Zeit? Eine harmonische Gliederung der Malfläche in eine vertikale und horizontale Geometrie scheint intuitiv gegeben. Dazu kommt die Anordnung mehrerer grüner Bilder zu einem Wald-Panorama, das den Raum vereinnahmt und den Betrachter in die Szene aufzunehmen vermag. Inwieweit Seraina Feuerstein die Verschmelzung des eigenen Bewusstseins mit der imaginierten Realität vorsieht, sei dahingestellt, sicherlich führt die kartografische Erfassung des erlebten Natureindrucks zu einem regenerativen Prozess und zu einer minimalistisch kondensierten Sehschule. 

In den «Wallflowers» sprengt Seraina Feuerstein das monochrom anmutende Korsett. Sie erlaubt sich sichtbare Farbtupfer und spielerische Zufallsformen. Die Serien entstehen in erkennbarer Leichtigkeit. Repetitiv in der Technik und individuell in der einzelnen Ausformung. Wahrhafte Launen der Natur, inspiriert von der Beobachtung des Lebens im Unterholz. Wesen, die die Kompaktheit der Oberfläche zu sprengen vermögen, sich aufbäumen und auf der Malfläche verfliessen. Mit den sich auffächernden Pigmentspuren greift Seraina Feuerstein nach ihrem Fundus von Form und Farbe, die sich in allen Manifestationen entdecken lassen, denn wie das Leben, ist die Entschlüsselung der monochromen Fläche bunt. 

Ildegarda E. Scheidegger, Zürich

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